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Was ist neu im alten?

Von den Besuchern eines Symphoniekonzertes wird erwartet, dass sie im Saal ruhig und möglichst aufmerksam, um nicht zu sagen „starr“ auf einem Stuhl sitzen bleiben. Strenge Verhaltenserwartungen drohen rasch einmal in Richtung Mief abzudriften, denn bei soviel Starrheit liegt es auf der Hand, dass Bewegung, das Zauberwort unserer Zeit, auf der Strecke bleiben muss.

Aus Erfahrung weiss ich, dass es nicht ganz einfach ist, junge Leute für den Besuch eines Symphoniekonzertes gewinnen zu können. Darum möchte ich etwas abschweifen und das Wort starr in einen anderen Zusammenhang stellen: beispielsweise mit dem Jargon „in die Glotze starren“, genannt Fernsehen. Beim Fernsehen sitzt man ebenfalls auf einem Stuhl und starrt auf eine Fläche, den Bildschirm eben. Die dort aufeinander folgenden Bilder bewegen in uns etwas. Obwohl TV vielerorts eher den Nimbus des Negativen hat, weiss man, dass rein zahlenmässig enorm viele Leute täglich in die Glotze starren.

Demgegenüber hat ein-Buch-lesen in unserer Kultur eher den Ruf des Gehobenen. Dabei geschieht rein äusserlich nicht viel anderes als beim Fernsehen. Man starrt ebenfalls auf eine Fläche, die Buchseite, auf der anstelle von aufeinander folgenden Bildern lediglich Buchstaben gedruckt sind. Je nach dem wie die Buchstaben auf die Fläche gedruckt worden sind, kann aus der Buchstaben-Konstellation beziehungsweise den Worten etwas verstanden werden und vielfach steigen in einem sogar Bilder auf. Bei all dem Beschriebenen wird die Innenwelt bewegt. So wie sich ein Medium gestaltet (TV, Zeitung oder Buch), so machen davon unterschiedlich viele Leute Gebrauch.

Früher schon habe ich im Rahmen dieses Forums musikalisches Verhalten als spontanes Reagieren auf Verhältnismässigkeiten innerhalb einer Struktur beschrieben. Ausgehend von dieser Beschreibung verhalten sich nicht nur die ausübenden Musiker, sondern auch die Hörer, die angeblich starr auf einem Stuhl sitzen, musikalisch und spontan. Dass spontanes Reagieren der Familie der Bewegung zugeteilt werden darf, wird wohl kaum jemand bestreiten. Zudem resultiert die besagte Struktur aus den Verhältnismässigkeiten der musikalischen Elemente Rhythmus, Melodie und Harmonie. Gleichsam wie Bausteine werden diese Elemente von den Komponisten zu den verschiedensten Gebäuden konstelliert. Ein aus diesem Prozess entstandener Gebäude-Plan, die Partitur einer Komposition, hat die Eigenschaft, im Zeitpunkt der akustischen Wiedergabe an den Moment des Jetzt gebunden zu sein. Kaum erklungen, ist der Moment schon wieder am Verklingen. Wer will bestreiten, dass dieser Eigenschaft nicht absolute Unmittelbarkeit innewohnt. Diese Unmittelbarkeit scheint mir der Drehpunkt zwischen neu und alt zu sein.

Ich gehöre zur Generation, die die Kindheit noch ohne Fernsehen verbracht hat. Werde ich von jungen Leuten gefragt, wie wir denn die Zeit vertrieben hätten, so muss ich auf Radio, Bücherlesen, Schach und Eile mit Weile verweisen. Bei schönem Wetter war Fussball angesagt. Damit will ich nicht sagen, dass das besser war. Es war einfach anders. Zudem frage ich mich, wie es war, als es noch kein Radio gab und allenfalls Bücher für viele Leute schlichtweg zu teuer waren. Man sagt mir, es hätte Geschichtenerzähler gegeben… Das war doch eigentlich auch phantastisch. Beim Ganzen möchte ich nur zeigen, dass sich im Lauf der Zeit die diversen Beiträge an die Lebensqualität, was nichts anders als die Substanz der Kultur ausmacht, verschieden gestaltet haben und, dass dabei „das ausschliessliche Hören“, wie beispielsweise Geschichtenerzähler oder Radio, das Auditive eben, immer seinen Platz sowie seine Bedeutung hatte.

Oper lässt sich schwerlich auf das Auditive beschränken; bei der Symphonik ist es das Herzstück. Schliesst man die Augen, so bleibt Symphonik zu 100% als Medium bestehen. Ein derartiges Medium, reduziert auf die auditive Wahrnehmung und frei von jeglicher verbalen Argumentation, scheint mir ein äusserst effizientes Transportmittel zur menschlichen Innenwelt zu sein.

Bedenkt man die erwähnten Faktoren der Unmittelbarkeit beim musikalischen Geschehen während eines Live-Konzertes, verliert der Aspekt des Alters einer bestimmten Struktur (=Komposition) an Bedeutung. Denn musikalisches Geschehen lässt die Zeit aussetzen. Es ist darum nicht mehr sehr schwierig nachvollziehen zu können, dass im alten auch neues ist.


© Daniel Schweizer, August 2003